Über dieses Heft
Abstract
Die Faszination des Sports geht über die Freude an eigener sportlicher Aktivität oder das Beobachten körperlicher Leistungen anderer hinaus. Durch die Nähe zum Spiel und zum Schauspiel ähnelt der Sport literarischen und künstlerischen Praktiken, und das Lob herausragender Athleten war in der klassischen Antike ein bekanntes literarisches Genre. Über die Wechselbeziehungen zwischen Literatur und Sport hinaus weisen die Darstellung, die Erinnerung, vielleicht auch das Erleben sportlicher Ereignisse eine narrative Dimension auf. Sportereignisse sind eingebettet in Geschichten, die Emotionen wecken, Identifikation ermöglichen und die Wahrnehmung des Geschehens prägen. Das vorliegende Themenheft von DIEGESIS widmet sich dem Erzählen von Sport in narratologischer Perspektive. Die versammelten Beiträge zeigen, dass Sport nicht nur Gegenstand von Erzählungen ist, sondern selbst narrative Dynamiken hervorbringt: im Wettkampf, in medialen Inszenierungen, in Erinnerungsdiskursen und in der aktiven Aneignung durch Fans und Spielende. Sport erscheint insofern als Feld emergenter Narrativität, in dem Regeln, Körper, Affekte und Medien zusammenspielen. Die Beiträge reichen von literarischen und kulturhistorischen Analysen über medien- und spieltheoretische Zugänge bis hin zu systematischen narratologischen Modellierungen. Gemeinsam ist ihnen das Interesse daran, wie sportliche Praxis in Geschichten überführt wird – und wie diese Geschichten Wahrnehmung, Bedeutung und soziale Imagination strukturieren.
Der Beitrag von Anna S. Brasch untersucht die Geschlechtercodierung des Boxens in der deutschsprachigen Literatur vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Ausgangspunkt ist die historisch tief verankerte Semantisierung des Boxens als „männlichste Männerdomäne“, die aus dem englischen Diskurs übernommen wurde. Brasch rekonstruiert zunächst das Archiv dieses Diskurses und zeigt, wie Frauen über lange Zeit sowohl sachhistorisch als auch literarisch marginalisiert oder ausgeschlossen wurden. In einem zweiten Schritt analysiert sie literarische Texte des 20. Jahrhunderts, insbesondere den Boxroman der Weimarer Republik, in denen tradierte Geschlechterentwürfe fortgeschrieben werden, etwa durch bipolare Figurenkonstellationen und moralisch codierte Weiblichkeitsbilder. Abschließend richtet sich der Blick auf neuere Texte seit der Jahrtausendwende, die erstmals boxende Frauen ins Zentrum rücken und damit narrative und ästhetische Öffnungen markieren. Der Beitrag verbindet diskursgeschichtliche, narratologische und gendertheoretische Perspektiven.
Antonio J. Ferraro zeigt, dass professionelles Wrestling ein besonders ergiebiger Gegenstand narratologischer Analyse ist. Der Beitrag kritisiert die verbreitete Auffassung, Wrestling sei bloßes Spektakel oder Fake, und weist nach, dass es hochkomplexe Prozesse umfasst. Ferraro unterscheidet drei zentrale rhetorische Domänen: die narrative Domäne der Match-Strukturen, die fiktionale Domäne der konstruierten ‚Kayfabe‘-Welten und die performative Domäne der körperlichen Aktionen, die zugleich Handlung und Bedeutungsträger sind. Anhand dieser Trias wird deutlich, wie Wrestling Geschichten erzeugt, Erwartungen steuert und emotionale Effekte hervorruft. Zugleich zeigt der Beitrag, dass Wrestling gängige narratologische Kategorien herausfordert, etwa durch die Gleichzeitigkeit von Inszenierung und körperlicher Realität sowie durch die aktive Rolle des Publikums. Wrestling erscheint so als Grenzfall zwischen Sport, Theater und Erzählung. Um diesen zu erfassen, muss narrative Theorie nicht nur anwendet, sondern produktiv erweitert werden.
Matthias Grüne und Antonius Weixler analysieren die literarische Verarbeitung der Fußball-WM 2006 in drei jüngeren deutschsprachigen Coming-of-Age-Romanen. Ausgangspunkt ist das dominante Erinnerungsnarrativ des ‚Sommermärchens‘, das den WM-Sommer als kollektives Fest und nationales Erlebnis codiert. Grüne und Weixler zeigen, dass die Romane dieses Narrativ nicht einfach reproduzieren, sondern es aus je eigener erzählerischer Logik heraus variieren, brechen oder relativieren. Untersucht werden Perspektivgestaltung, Nähe und Distanz zum sportlichen Großereignis sowie die Einbindung der WM in adoleszente Identitätssuche. Dabei wird deutlich, dass Literatur als „Gegen-Geschichte“ fungieren kann, die habitualisierte mediale Erzählmuster unterläuft und alternative Sinnangebote macht. Der Beitrag leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Frage, wie literarisches Erzählen mit überdeterminierten Sportnarrativen umgeht.
Matías Martínez beschreibt Diego Armando Maradona als paradigmatisches Beispiel eines populären Sporthelden. Sporthelden, so die These, weisen eine spezifisch sekundäre Heldenstruktur auf, indem sie auf fluide Weise Merkmale unterschiedlicher Heldentypen kombinieren. Am Fall Maradonas wird gezeigt, wie sich Triumphator, Märtyrer, gottgleicher Held, Nationalheld, tragischer Held und Antiheld überlagern. Diese Patchworkstruktur entsteht in einem Zusammenspiel von sportlichen Leistungen, biographischen Erzählmustern und medialer Zirkulation. Maradona erscheint so als Produkt partizipativer Populärkultur, dessen Mythos ständig neu erzählt und umgeschrieben wird.
Steven Willemsen erfasst den Straßenradsport, insbesondere die Tour de France, als „narrative engine“. Ausgangspunkt ist die Unterscheidung zwischen ludischer Struktur und narrativer Rezeption: Während der Radsport durch Regeln und Wettbewerb bestimmt ist, wird er von Zuschauenden primär narrativ verstanden. Der Beitrag zeigt historisch, wie sich Radsport und Massenmedien gemeinsam entwickelt haben, und identifiziert ludische Merkmale – etwa Intransparenz, räumliche Ausdehnung und Zeitstruktur –, die Narrativierung begünstigen. Im Sinne der kognitiven Narratologie wird argumentiert, dass Geschichten nicht vorgegeben sind, sondern emergent aus dem Zusammenspiel von Sportereignis, medialer Vermittlung und interpretativer Aktivität entstehen. Der Radsport wird so als Beispiel für erzählerische Sinnbildung jenseits klassischer Textformen lesbar.
Esko Suorantas Gastbeitrag untersucht emergente Narrativität in Sportvideospielen am Beispiel des „Be a Pro“-Modus von NHL 20. Im Zentrum steht die Diskrepanz zwischen der vom Spieldesign intendierten Siegesnarration und den tatsächlichen Spielerfahrungen, die von Scheitern, Frustration und Affekt geprägt sein können. Anhand einer autoethnographischen Fallstudie zeigt der Autor, wie Spielende durch affektiv-interpretative Agency eigene Geschichten aus dem Spielverlauf konstruieren. Gerade das Misslingen der vorgesehenen Erfolgslogik eröffnet dabei eine überraschend realistische Erzählung sportlicher Anstrengung und Widerständigkeit. Theoretisch verbindet der Beitrag Game Studies, kognitive Narratologie und Affekttheorie und führt das Konzept der „affektiven Nische“ ein. Sportspiele erscheinen so als Ko-Produktionen von Design und Spielerinterpretation, in denen Narrativität emergent entsteht.
In der Rubrik My Narratology skizziert John Pier Narratologie als ein offenes Forschungsfeld, das weniger nach einer universalen Grammatik des Erzählens fragt als nach den Bedingungen, unter denen Narrative entstehen, funktionieren und an ihre Grenzen stoßen. Ausgehend von der klassischen Narratologie Gérard Genettes zeichnet Pier die Entwicklung hin zu postklassischen, transmedialen und transdisziplinären Ansätzen nach, die narrative Phänomene weit über den literarischen Text hinaus untersuchen. Zentrale Akzente setzt er auf eine semiotische Rahmung der Narratologie, insbesondere mit Bezug auf Peirce, Eco, Sternberg, Mukařovský und Lotman. Narrative versteht Pier als dynamische, instabile Prozesse, die sich zwischen Ordnung und Kontingenz entfalten und stets in Wechselwirkung mit kulturellen, medialen und sozialen Umwelten stehen. Vor einem unreflektierten Pan-Narrativismus warnt er ebenso wie vor einer rein instrumentellen Verwendung von „Storytelling“. Zukunftsfähig ist Narratologie für Pier dort, wo sie ihre eigenen Begriffe kritisch reflektiert und nicht fragt, was Narrative sind, sondern wann sie es sind.
Silvio Bär schließlich rezensiert Jonas Grethleins narratologische Auseinandersetzung mit antiken Erzählformen Ancient Greek Texts and Modern Narrative Theory. Towards a Critical Dialogue als einen „Dialog mit Fallstricken“.
Die Beiträge dieses Themenhefts belegen, dass der Sport ein faszinierender Gegenstand narrativer Sinnproduktion ist. Ob im Boxring, auf dem Fußballplatz, im Radsport, beim Wrestling oder im digitalen Spiel: Sport erweist sich als Feld emergenter Geschichten, in denen Regeln, Körper, Medien und Affekte ineinandergreifen. Sport zu erzählen heißt nicht nur, dem Geschehen nachträglich Bedeutung zu verleihen, sondern auch, narrative Prozesse sichtbar zu machen, die das Ereignis selbst strukturieren. In diesem Sinne versteht sich das Heft als Einladung, die Narratologie dort weiterzudenken, wo Erzählen in Bewegung gerät – unter Bedingungen von Ungewissheit, Konkurrenz, Performanz und Risiko.
Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.
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