Über dieses Heft

Herausgeber / Editors

Abstract


Wie im Heft zuvor angekündigt, ist das vorliegende Heft erneut dem Erzählen von Krankheit gewidmet. Dabei setzen wir diesmal einen anderen Akzent: Während die Beiträge zuletzt literarischen und paraliterarischen Erzählungen galten, stehen nunmehr interdisziplinäre Aspekte und tendenziell die pragmatischen und insbesondere therapeutischen Funktionen unterschiedlicher Arten von faktualem Erzählen im Vordergrund.

Lilla Farmasi, Attila Kiss und István Szendi verfolgen den komplexen Zusammenhang von Lebensgeschichten und psychischer Krankheit und präsentieren am Beispiel der Anwendung narratologischer Theorien in der Psychiatrie die Ergebnisse einer transdisziplinären Kooperation von Philologen und Psychologen. Marta Soares widmet sich der Art und Weise, in der die amerikanische Fotografin Patricia Lay-Dorsey ihre Erkrankung an Multipler Sklerose visuell verarbeitet und in der sie letztlich zwei unterschiedliche Grundtypen von Erzählungen zum psychischen Überleben nutzt. Welche Bedeutung Bachtins Theorie der Dialogizität und der Pluralität von Stimmen in der therapeutischen Arbeit mit demenzkranken Patienten zukommen kann, veranschaulicht Ryoko Watanabe am Beispiel einer in Japan durchgeführten Studie. Sophia Wege untersucht am Beispiel der Homöopathie die Funktionsweisen kulturell hochwirksamer Narrative und die in der gegenwärtigen ‚Wissensgesellschaft‘ aktuellen Konflikte um Erkenntnis sowie die immer auch in Abhängigkeit eines Spannungsverhältnisses von Ratio und Gefühl erfolgenden Bestimmungen von dem, was wir für ‚wahr‘ und für ‚erfunden‘ und was wir im Krankheitsfall für ‚wirksam‘ erachten.

Ein Gastbeitrag von Daniel Teufel, Maximilian Dorner und Pascal O. Berberat geht dem Zusammenhang von Erzählen und Krankheit in einem weiteren Sinne nach. Am Beispiel einer Reihe von Lehrveranstaltungen und Workshops stellt er das Konzept einer ‚narrativen Aufmerksamkeit‘ des Arztes für den Erkrankten und seine Möglichkeiten im Rahmen der Ausbildung von Medizinerinnen und Medizinern vor.

In der Rubrik „My Narratology“ beantwortet diesmal Gerald Prince unsere Fragen nach den Formen, Zwecken und der Zukunft von Narratologie sowie nach seinem Selbstverständnis als Narratologe.