Über dieses Heft

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Abstract


Seit unserer ersten Ausgabe im Jahr 2012 hat sich die interdisziplinäre Erzählforschung kontinuierlich weiterentwickelt. Eines der produktivsten neuen Konzepte, die gegenwärtig die Debatte prägen, ist das Anthropozän. Wenn man von der Resonanz auf unseren Call for Papers ausgehen darf, ist die Schnittstelle von Erzählen und Klimawandel ein zentrales Kulturthema, und wir freuen uns, Ihnen sieben Beiträge präsentieren zu dürfen, die die Bandbreite der darunter fallenden Themen und Ansätze exemplarisch darlegen.

Jørgen Bruhn und Heidi Hart („Melting, Blurring, Moaning. Annihilation as Narrative Adaptation to Planetary Crisis?“) stellen Jeff VanderMeers Roman Annihilation (2014) und seine Verfilmung durch Alex Garland (2018) vor. Beide Werke erscheinen als fiktionale Reaktionen auf die ökologischen Krisen des Anthropozäns, deren ästhetische Gemeinsamkeit in Anlehnung an VanderMeer als weirdness bezeichnet wird. Im Rückgriff auf Theorien und Konzepte aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Diskursen (Biologie, Narratologie und Musikwissenschaft) zeigen sie, wie VanderMeer und Garland die traditionelle Abgrenzung von Arten hinterfragen: das ‚weird storytelling‘ wird als ein Genre beschrieben, das anthropozentrische Oppositionssysteme und entsprechende Orientierungen subvertiert.

Marco Caracciolo („Negotiating Stories in the Anthropocene“) diskutiert Amitav Ghoshs These, das Genre des Romans sei nicht dazu geeignet, sich effizient mit dem Klimawandel auseinanderzusetzen. Auf der Grundlage der Arbeiten von Luc Herman und Bart Vervaeck sowie von Hubert Zapfs Beitrag zum ecocriticism erweitert Caracciolo den Blickwinkel und ermutigt uns, das Anthropozän nicht nur für fiktionales Erzählen als eine formale Herausforderung zu betrachten, sondern auch für nichtfiktionale Texte wie Nathaniel Richs Losing Earth. Adam Grener („War and Peace in the Anthropocene“) wendet sich gegen Ghoshs Ablehnung des Realismus und betont mit Georg Lukács und dem Roman des 19. Jahrhunderts die historische – und historisierende – Tradition realistischen Erzählens. Er stellt Richard Powers The Overstory (2018) in eine Traditionslinie mit den Romanen Scotts, Tolstois und Eliots und zeigt, wie Powers’ realistisch erzählter Roman dazu beiträgt, raum-zeitliche Dimensionen des Klimawandels neu zu imaginieren.

In ihrer Antwort auf Caracciolo befürwortet Erin James („The Value of ‘Old’ Stories“) das aktuelle Interesse an, sowie die Suche nach, neuen Erzählformen, betont dabei aber auch die kognitive Relevanz ‚alter‘ Narrative als Werkzeuge zur Welterfassung und Weltgestaltung. Sie weist darauf hin, wie ‚alte‘ Narrative – vom realistischen Roman bis hin zu Superheldenfilmen – dazu beigetragen haben, die Welt als immer wieder erneuerbar zu imaginieren; aus dieser Perspektive erscheinen Erzähltheorie und Erzähltextanalyse als Instrumente ökologischer Kritik. Stephanie Langer („Das Epos vom Anthropozän“) setzt sich mit einem weiteren ‚alten‘ Genre auseinander, nämlich dem Epos. Sie liest Raoul Schrotts Erste Erde. Epos (2016) als einen innovativen Beitrag zu einer Poetik des Anthropozän und demonstriert dabei, wie generische Heterogenität, das Fehlen einer zentralen Handlung, eine große Bandbreite von Figuren und Erzählstimmen sowie stilistische Experimente dazu beitragen, Parallelen zwischen emergenten Lebens- und Erzählformen aufzuzeigen und so die Erzähltheorie vor neue Herausforderungen zu stellen.

Brian J. McAllister („The Rhetoric of Emergence in Narrative“) setzt sich mit Kritikern auseinander, die Emergenz für nicht erzählbar halten und behaupten, Emergenzerzählungen bedingten notwendigerweise Verzerrungen und „scale framing“. Er argumentiert, man solle das Erzählen nicht zu vorschnell aufgeben und so die ökologischen Anliegen des Anthropozäns in narratologisches „Niemandsland“ verbannen. Die rhetorische Narratologie, so McAllister weiter, biete einen terminologischen und konzeptionellen Rahmen, um mit Komplexität zurechtzukommen.

Im letzten Beitrag dieses Heftes stellt Judith Meurer-Bongardt („Die Kunst auf einem beschädigten Planeten zu leben“) schließlich Verbindungen zwischen der im Wesentlichen anthropozentrischen Literatur und den Diskursen des Anthropozäns her. Ihre exemplarischen Lektüren von drei schwedischen bzw. finnischen Romanen belegen, dass das Projekt der Erzählung des Undenkbaren untrennbar mit dem dystopischen Erzählen verbunden ist, das es schon immer darauf angelegt hat, dem Anthropozentrismus die Stirn zu bieten.

Zusätzlich zu diesen Forschungsbeiträgen bietet Ihnen das vorliegende Heft auch die letzte Folge unserer Reihe „My Narratology“, ein Interview mit Frederick Luis Aldama. Drei Rezensionen aktueller Publikationen runden diese Ausgabe ab; rezensiert werden der von Divya Dwivedi, Henrik Skov Nielsen und Richard Walsh herausgegebene Sammelband Narratology and Ideology. Negotiating Context, Form, and Theory in Postcolonial Narratives (2018), Elizabeth Alsops Monographie Making Conversation in Modernist Fiction (2019), sowie der Band Narrative Complexity. Cognition, Embodiment, Evolution, der 2019 von Marina Grishakova und Maria Poulaki herausgegeben wurde.

Zum Abschluss erlauben Sie uns ein paar Worte zur Zukunft von DIEGESIS. Acht Jahre sind seit der ersten Ausgabe vergangen – und damit wird es nun höchste Zeit für dringend erforderliche Wartungsarbeiten. Unsere Webseite wird zwar auch in den kommenden Monaten jederzeit zugänglich bleiben; im Hintergrund wird aber unser Technikteam neue Software für das Content Management und Publishing einführen, um sowohl die Stabilität als auch den Workflow zu verbessern. Aus diesem Grund wird es im kommenden Jahr kein Sommerheft geben – DIEGESIS 10.1, unsere Jubiläumsausgabe, wird im Dezember 2021 erscheinen. Unser Archiv steht Ihnen bis dahin aber natürlich jederzeit zur Verfügung – viel Spaß beim Stöbern!