Valérie Robert

Serialisierte Erzählung und kulturspezifische Pressenarrative

Die „Wulff-Affäre“ in der deutschen Presse

This paper addresses narrativity in press discourse from a postclassical and transdisciplinary perspective and seeks to describe dominant metanarratives in German journalistic culture. The corpus consists of all the press texts about the Wulff-scandal (that led to the resignation of the Bundespräsident in 2012). The paper defines the characteristics of narrativity in the press and presents the theory of French-speaking authors about press narration as a serialized macrotext with its own temporality. It proceeds to a close reading of the corpus and describes markers of narrativity, of seriality, of cohesion and of temporal organization. The narration in the press is described as simultaneous, retrospective and prospective / performative. It appears that it is a kind of self-fulfilling narrative, organised in a teleological perspective with Wulff’s resignation as the only possible resolution. In the underlying metanarrative, scandals appear as stages on the way to an exemplary democracy, in which the journalists have a central function, on the side of or against the politicians. The social group of journalists is described as a narrative community with its own narrative forms and culturally available plots, its own narrative memory, i.e. its own founding stories that are told again and again with an exemplary function, and with its own goals that are legitimated by the narratives.

Im vorliegenden Beitrag wird angestrebt, das Erzählen in der Presse als kulturelle Praxis zu analysieren und dabei „die Dialektik der Konstituierung und Sedimentierung von narrativen, kollektiven und professionellen Identitäten […] zu erfassen“1 (Grevisse 1997, 143). Das Erkenntnisinteresse liegt dabei zunächst in der Beschreibung narrativer Strukturen, diese soll es aber auch ermöglichen, eine „Kulturanalyse“ (s. Brüggemann 2011; Nünning 2007, 40; Nünning 2010, 208) des deutschen Journalismus vorzuführen, indem das „kulturell Spezifische einzelner narrativer Texte und Genres“ (Nünning 2007, 41) ermittelt wird. Es geht darum, eine Journalismuskultur herauszuarbeiten, d.h.

eine spezifische Kombination von Ideen und Praxis, durch welche Journalisten, bewusst oder unbewusst, ihre soziale Rolle legitimieren und ihrer Arbeit für sich selbst und für andere einen Sinn verleihen. (Thomas Hanitzsch, zitiert von Brüggemann 2011, 54)

Auch Erzählmuster, d.h. die Art und Weise, wie Ereignisse erzählt werden, sind Bestandteil einer solchen journalistischen Kultur. Nünning (2010, 202) geht zwar davon aus, dass „es eine Pluralität von Erzählungen, Narrativen, Texten und anderen Medienprodukten gibt, die zu jedem Ereignis generiert werden können“; es soll hier aber anhand der Analyse der Presseberichterstattung zu einer politischen Affäre der Frage nach dem jeweiligen kulturellen Vorrat an potentiellen Erzählungen bzw. Erzählmodi nachgegangen werden.

Diese Zielsetzung und das gewählte Korpus erfordern einen interdisziplinären Zugriff (s. auch Sommer 2009, 243; Erll / Roggendorf 2002, 78): daher wird auf Erkenntnisse der Narratologie (unter anderem in ihrer französischsprachigen Prägung), der Medien- und Kommunikationswissenschaft, der Textlinguistik und der Sozialwissenschaften (vor allem der Soziologie des Journalismus) zurückgegriffen. Dabei wird versucht, „sowohl dem Text als auch dem Kontext von Erzählungen Aufmerksamkeit“ zu schenken (David Herman, zitiert von Nünning 2007, 40) und „die kontextuelle Einbindung von Erzählakten“2 zu berücksichtigen. Der situative Kontext bezeichnet hier alle Elemente der Kommunikationssituation, wobei das Augenmerk aber hauptsächlich auf den Produzenten der Erzählung gerichtet wird, nämlich die soziale Gruppe der deutschen Pressejournalisten.

Erzählen in der Presse

In der Presse hat man es hauptsächlich mit „Wirklichkeitserzählungen“ zu tun, d.h. mit Texten, die einen „unmittelbare[n] Bezug auf die konkrete außersprachliche Realität“ aufweisen und außerdem den Anspruch haben, „reale Sachverhalte darzustellen“ (Klein / Martínez 2009, 1-2). Klein / Martínez (2009, 6) definieren als Erzählungen solche Texte, die in der sprachlichen Darstellung „eines Geschehens, also einer zeitlich organisierten Abfolge von Ereignissen“ bestehen. Diese Definition liegt auch Martínez’ Darstellung (2009, 180) der „narrativen Formen“ in der Presse (Nachricht/Meldung, Bericht, Reportage) zugrunde. Martínez orientiert sich dabei an der normativen, aus journalistischen Lehrbüchern bekannten top-down-Beschreibung und erstellt auf diese Weise eine Liste von Textsorten, die narrativ sein sollen. Dabei wird die Vielfalt der tatsächlichen Textexemplare nicht berücksichtigt, die dieser abstrakten Beschreibung nicht immer bzw. selten entsprechen. Außerdem erscheint die benutzte Definition von „Erzählung“ etwas zu weit gefasst und insofern wenig operabel. Die Definition von Erzählung (narrativer Themenentfaltung), die für unsere Arbeit leitgebend ist, ist dagegen der Textlinguistik entlehnt und scheint für die Untersuchung des journalistischen Erzählens produktiver zu sein:

Ein abgeschlossenes Ereignis mit einem gewissen Grad an Ungewöhnlichkeit / Interessantheit wird als eine ‚Komplikation‘ dargestellt, auf die eine ‚Auflösung‘ im Sinne einer (positiven oder negativen) Reaktion auf das ungewöhnliche Ereignis folgt. Dies kann von einer ‚Evaluation‘ (Wertung) und einer ‚Moral‘ (Lehre) begleitet und in einen situativen ‚Rahmen‘ eingebettet sein. (Fix et al. 2001, 23)

Die Definition des narrativen Texttyps bei Adam (1997b, 28) ist vergleichbar: „das Paar Komplikation [nœud] & Auflösung [dénouement] stellt das bestimmende Element jedes Emplotments dar“. Der Unterschied zu einer einfachen Abfolge von Ereignissen besteht darin, dass zwischen der initialen und der finalen Situation, also zwischen einem Vorher und einem Nachher, eine Veränderung stattfindet und zugleich ein kausaler Zusammenhang besteht. Dabei wird Narrativität als graduelle Eigenschaft verstanden. Adam (1997b, 12) weist auch darauf hin, dass manche Textsorten, die wie die Reportage in journalistischen Lehrbüchern als narrativ eingestuft werden, wenig narrativ sein können. Dagegen sei in Leitartikeln und meinungsbetonten Texten oft ein narratives Emplotment zu finden. Befasst man sich mit narrativem Journalismus (so z. B. das Observatoire du récit médiatique in Louvain, s. ORM 2012), sollte nicht nur mit prototypischen Texten gearbeitet werden, sondern eher in einem bottom-up-Verfahren der konkrete Sprachgebrauch beschrieben und gefragt werden, ob bzw. in welchem Maße einzelne journalistische Texte narrativ sind.

Erzähljournalismus und journalistisches Erzählen

Auch scheint es notwendig, zwei Ebenen zu unterscheiden: den narrativen Journalismus (Erzähljournalismus) auf der Mikroebene der einzelnen Texte einerseits und das journalistische Erzählen auf der Makroebene des journalistischen Diskurses andererseits. Einzelne journalistische Texte, ob narrativ oder nicht, können als Bestandteile eines narrativen Makrotextes, einer Makroerzählung aufgefasst werden, die ihrerseits durchaus einer narrativen Struktur (Komplikation/Auflösung) folgt. Dieser Standpunkt wird von mehreren französischsprachigen ForscherInnen in Belgien, in Frankreich und in der Schweiz vertreten, nach denen jede journalistische Kommunikation eine narrative Logik voraussetzt (s. Marion 1997): ein Ereignis werde „erst dann zur Information [...], wenn es mediatisiert, also zum Gegenstand einer mise en récit“ werde (Lits 1997b, 45). Nach Lits führt die zentrale Stellung des narrativen Prototyps in den Medien dazu, dass auch andere Texttypen oder diskursive Erscheinungen in dessen Sog geraten (Lits 1997b, 45). So gesehen bildet der gesamte Mediendiskurs eine Erzählung (récit médiatique), auch wenn seine Bestandteile nicht unbedingt narrativ sind.

Récits accomplis / récits émergents

Auch für Arquembourg (2011) ist das Erfassen der Welt durch die Medien grundsätzlich narrativ. Jedoch entwickeln sich Medienerzählungen zeitgleich mit den Ereignissen, und ohne dass deren mögliches Ende bekannt wäre (Arquembourg 2011, 42-43), was

einige narrative ‚Evidenzen‘ in Frage stellt. Die erste ist, dass das erzählte Ereignis dem Erzähler bekannt ist […] und die zweite, dass Erzählen retrospektiv ist. (Revaz 2010)

In der Presse finde man sowohl „vollendete Erzählungen“ (récits accomplis), die retrospektiv entstehen, als auch „Erzählungen im Entstehen“ (récits émergents) (Arquembourg 2011, 43), die ein Erzählen „in real time“ (Ryan 2006, 79) darstellen. Dies sei der grundlegende Unterschied zwischen der „klassischen“ Narrativität und der Narrativität in der Presse. Auch Ryan (2005, 291) stellt für Zeitungen eine „unterschiedliche Art von Narrativität“ fest. Die Analyse dieser Art von Erzählungen bedarf allerdings „einer flexibleren und dynamischeren Definition“ (Revaz 2008, 1438; s. auch Nünning 2007, 44), d.h. es muss der Tatsache Rechnung getragen werden, dass das journalistische Erzählen, obwohl es in seiner Temporalität traditionelle narratologische Kategorien sprengt, als Narration aufgefasst und analysiert werden kann und muss, indem „den Spuren des narrativen Prozesses“ nachgegangen wird, „der die Erzählungen produziert“ (Arquembourg 2005, 38).

Der oben angesprochenen Unterscheidung zwischen Mikro- und Makrobenene entspricht also auch eine unterschiedliche Temporalität:

Auf einer Makroebene sind [Zeitungsnachrichten] simultan, wenn man die Summe der täglichen Sequenzen, die dasselbe Thema behandeln, als „Text“ betrachtet, aber auf einer Mikroebene sind sie retrospektiv. (Ryan 2006, 79)

Zu diesen zwei temporalen Dimensionen kommt für Revaz et al. (2008, 1436) noch eine andere hinzu: „eine prospektive Perspektive, die auf den ungewissen Charakter dessen hinweist, was geschehen wird“. Die Korpusanalyse wird zeigen, dass alle drei Perspektiven (gleichzeitige, retrospektive, prospektive) in einer Presseerzählung vertreten sein können.

Feuilleton als Makrotext

Die Makroerzählung, für welche Revaz den französischen Begriff feuilleton benutzt (récit à épisodes bei Tétu 2002, 30), weist folgende medienspezifische Charakteristika auf: kollektiven Erzähler, spezifische Temporalität, Unvollendetheit, fragmentierte Erzählung, Serialität, Kohäsion der verschiedenen Episoden. Der Begriff feuilleton wird hier klein und kursiv geschrieben, um ihn vom deutschen Feuilleton zu unterscheiden; er spielt auf den französischen Begriff für einen Fortsetzungsroman an und betont somit den seriellen Charakter der Presseerzählung. Das feuilleton wird als „makrotextuelle Einheit“ betrachtet, damit

der komplexen Tatsache Rechnung getragen wird, dass es aus einer Folge von Texten besteht, die gleichzeitig eine relative Autonomie aufweisen (der isoliert gelesene Text genügt sich anscheinend selbst) und andererseits in Abhängigkeitsbeziehungen zu den anderen Artikeln steht (der isoliert gelesene Text erscheint als eine Episode in einer ihn umfassenden Struktur). (Revaz, 2008)

Diese Verbindungen sind sowohl horizontaler (syntaktischer) als auch vertikaler Natur, da dieselben Inhalte zur gleichen Zeit in verschiedenen Medien zu finden sind (Marion 1997, 71). Die Presse bildet nämlich „ein eng vernetztes System, in dem sich – mehr oder weniger – alle an allen orientieren“ (Kepplinger 1994, 223). Arquembourg unterstreicht, dass die récits d’information öfter auf mehrere Medien verteilt, „verstreut, fragmentiert, polyphon“ sind und erst in der Form einer „durch die Forscher vollbrachten Rekonfiguration“ existieren (Arquembourg 2011, 3, 42, 44, 52). Dies schließt aber nicht aus, dass sie auch von den Lesern als solche rezipiert werden (Tétu 2002, 30). Eine große Rolle spielen dabei verschiedene Mittel der Kohäsion, die als Signale für den Zusammenhang der einzelnen Texte fungieren. Solche linguistischen Marker signalisieren einerseits den Bruch, d.h. den Anfang und das Ende der jeweiligen Makroerzählung, und andererseits die Kohäsion zwischen den verschiedenen Episoden derselben (Baroni et al. 2006, 141).

Das „Wulff-feuilleton

Das hier untersuchte Korpus, das wir als „Wulff-feuilleton“ bezeichnen, besteht aus allen Artikeln, die zwischen Dezember 2011 und März 2012 in der deutschen Presse (regionale sowie überregionale Tageszeitungen, Wochenzeitungen und -magazine) und ihren Online-Ablegern zur Affäre um den damaligen deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff erschienen sind. Dabei wurde den Überschriften (die meistens aus Dachzeile und Schlagzeile bestehen) eine besondere Beachtung geschenkt, und es wurde weder zwischen informations- und meinungsbetonten Texten (s. auch Revaz 2008), noch zwischen Qualitäts- und Boulevardpresse unterschieden.

Das „Wulff-feuilleton“ weist das traditionelle Schema einer Erzählung auf, mit der Abfolge von einer bzw. mehreren Komplikation und einer Auflösung. Es begann mit einem Bericht von Bild (13.12.2011) darüber, dass Wulff als Ministerpräsident von Niedersachsen den Kauf seines Hauses mit Hilfe eines Privatkredits von einem befreundeten Unternehmer finanziert hatte, was er jedoch dem Landtag gegenüber verschwiegen hatte. Die Affäre („Kredit-Affäre“) nahm so ihren Lauf, es kamen immer mehr vergleichbare Episoden zu Tage, in denen Wulff offenbar von der Großzügigkeit von Unternehmern profitiert hatte. Dann wurde bekannt, dass Wulff dem Bild-Chefredakteur telefonisch gedroht habe, um die Veröffentlichung des ersten Artikels zu seinem Kredit zu verhindern. Dieser zweite Zweig der Affäre wurde mehrheitlich als „Mailbox-Affäre“ bezeichnet. Wulff trat schließlich am 17.02.2012 zurück.

Es handelt sich bei diesem feuilleton zwar um einen Extremfall, was den Rang der betroffenen Person betrifft. Auch geht es nicht in allen feuilletons um politische Affären und Skandale. Gerade eine solche Ausnahmesituation aber hat zur Folge, so die Ausgangshypothese, dass Mechanismen des narrativen Prozesses in der Presse deutlich und konzentriert zum Vorschein kommen. Übrigens kann diese Affäre auch als repräsentativ dafür gelten, wie sich nicht nur feuilletons, sondern auch Skandale in den Medien konstituieren. Der Verlauf der Affäre (Enthüllung, Skandalisierung und Empörung, Rücktritt) entspricht den Befunden verschiedener Forscher, die sich mit Skandalen beschäftigt haben, sei es aus der linguistischen Analyse öffentlich-politischer Kommunikation (Holly 2003), sei es aus der Kommunikationswissenschaft (Kepplinger 1994).

Das „Wulff-feuilleton“ kam sehr schnell in die „Kulminierungsphase“ (1994, 214), in welcher

sich immer mehr Journalisten mit der Thematik [befassen], weil sie sich wechselseitig an der Berichterstattung anderer Medien orientieren. (Kepplinger 1994, 229)

Unter einem narratologischen Gesichtspunkt bedeutet dies, dass in der Erzählung ein Plotmuster aktiviert wird, das mehr (oder genau so viel) mit medialen Logiken als mit dem eigentlichen Auslöser des feuilleton zu tun haben kann (s. auch Müller-Funk 2002, 172). Eine erste Erklärung dafür ist, dass

das mediale System in erster Linie nach Aufmerksamkeit [strebt], die es mit Skandalen bestens erzielt. Hierin liegt der (durchaus auch kommerzielle) Gewinn, den das Mediensystem aus Skandalen zieht. (Holly 2003, 58)

Nicht ganz davon zu trennen ist aber auch ein zweiter Aspekt, dem hier mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden soll: die Tatsache, dass feuilletons auch als medieneigene Deutungsprozesse aufzufassen sind, in denen die soziale Gruppe der Journalisten sowohl von einer Affäre als auch von sich selbst erzählt, so dass bestimmte Erzählmuster nicht nur eine absatzsteigernde, sondern auch eine für die Journalisten „gruppenkonstitutive und identitätsbildende Funktion“ (Schaff 2011, 91) haben.

Marker der Narrativität

Der Erzählakt wird hin und wieder von der Presse thematisiert:

(1) Weil die Geschichte dieses Präsidenten noch nicht zu Ende erzählt schien. Das ist sie jetzt. Christian Wulff muss zurücktreten. („Rücktritt, Herr Präsident!“, Bild, 17.02.2012)3

Es wird auch auf die Gattung des Märchens angespielt, u.a. durch Wortspiele mit dem dafür geradezu prädestinierten Namen des Bundespräsidenten:

(2) „Glaubwürdigkeit / Die Medien und der böse Wulff“ (Spiegel Online, 12.01.2012)

Auch der traditionelle Anfangssatz der Märchen wird benutzt, was die Erzählung in eine Serie von Texten mit pädagogischer Funktion einreiht:

(3) Es war einmal ein Präsident. („Wie ein Skandal gemacht wird“, Der Tagesspiegel Online, 09.01.2012)

Es werden bekannte Geschichten zitiert, deren Ende jeder kennt:

(4) „Type und Pinocchio“ (Süddeutsche Zeitung, 01.02.2012)

Schließlich kommt auch vor, dass der prototypische Verlauf eines politischen Skandals und somit der Erzählung geschildert wird:

(5) Politische Affären nehmen für gewöhnlich einen erwartbaren Verlauf: Erst kommt eine Sache hoch, die einen bisher vermeintlich sauberen Politiker ins Zwielicht setzt. Der Politiker leugnet oder zeigt sich keiner Schuld bewusst. Dann kommen immer mehr Fragwürdigkeiten ans Tageslicht, weil nun weitere Medien die Spur aufnehmen. Der betroffene Politiker gibt immer nur das zu, was schon bekannt ist, beharrt aber darauf, gegen kein Gesetz verstoßen zu haben.
Schließlich tritt er, wenn der Druck zu groß wird, vor die Öffentlichkeit und gibt sich reumütig. So versucht er, sie zu besänftigen. Parteifreunde fordern daraufhin ein Ende der Debatte, ‚aus Rücksicht auf das Amt‘, und werfen den Medien ‚Hetzjagd‘ vor, obwohl die nur ihrer Pflicht nachgehen, die Öffentlichkeit aufzuklären. Und so weiter und so fort. Am Ende aber stürzt der Angegriffene. Nicht über seine tatsächliche oder vermeintliche Verfehlung. Sondern über seinen Umgang mit der Affäre. Und weil es selbst treuen Partei- und Koalitionsfreunden irgendwann zu viel ist und sie bei einem Fortgang Schaden für ihre Partei oder Koalition fürchten. So war es zuletzt im Fall Guttenberg. Und so wird es auch im Fall Wulff wohl bald sein. („Kredit-Affäre / Das war’s, Herr Bundespräsident“, Zeit online, 02.01.2012)

Der ganze Plot wird hier zugleich aus vorigen feuilletons nacherzählt und für Wulff vorweggenommen, so dass deutlich wird, dass die Anzahl der möglichen Erzählmuster sehr begrenzt ist.

Marker der Kohäsion

Es sind intertextuelle Bezüge zu beobachten, dank derer „sich eine Folge von unabhängigen Nachrichten zu narrativen Konkretionen“, zu „narrativen Kristallisierungen“ entwickelt (Arquembourg 2005, 47). Der aus der Textlinguistik entlehnte Begriff der Kohäsion erweist sich dabei als besonders nützlich: Es handelt sich um den „expliziten Ausdruck der Verbundenheit von Textsegmenten“ (Adamzik 2004, 139), also in diesem Fall um die Tatsache, dass die Bezüge sichtbar an der Oberfläche des Makrotextes zu finden sind. Es wurde also nach Spuren dieses – horizontalen sowie vertikalen – sprachlichen Verwobenseins der verschiedenen Texte gesucht, nach Markern der Kohäsion, die als Rekurrenzen oder als Konnexionen („Nahtstellen“/sutures, Baroni et al. 2006, 141) erscheinen und als „narrative Signale“ (Sommer 2009, 241) das Serielle überhaupt erst schaffen. Anaphorische sowie kataphorische Bezüge, die sich „jenseits der Grenzen der einzelnen Artikel“ erstrecken (Revaz et al. 2008, 1431), sowie Bezeichnungen für die Affäre als Ganzes gehören zu diesen Markern der Narration. Bezeichnungen für die „Causa Wulff“ in Dachzeilen sind dabei das augenfälligste Mittel, die Kontinuität in der Affäre zu unterstreichen und sie als serialisierte Erzählung vom Rest des täglichen Geschehens zu unterscheiden und herauszuheben:

(6) „Bundespräsident / Zwei Versionen der Wulff-Affäre – nur eine stimmt“, Welt Online, 16.12.2011
(7) „Der Kredit des Präsidenten / Wulff nähert sich der Lage, in der Guttenberg war“, Welt Online, 18.12.2011
(8) „Die Wulff-Debatte“, Bild, 31.12.2011
(9) „Rücktrittsdebatte / Das Wulff-Paradox“, Spiegel Online, 10.01.2012
(10) Chronologie der Amigo-Kredit-Unterschriften-Bild-Bürgschafts-Affäre im interaktiven Zeitstrahl („Wulffs wochenlanges Schlingern / So kam es zum Rücktritt“, Süddeutsche Zeitung Online, 16.02.2012)

Dabei ist der Wechsel der Bezeichnung zwischen (8) und (9) bedeutsam, sowie die ironisch übertriebene Bezeichnung in (10), die einer Bewertung gleichkommt.

Explizite Serialisierung

Als Mittel der Kohäsion sind auch Marker des Fortgangs der Erzählung zu betrachten, die der expliziten Serialisierung dienen und somit die Rolle der Formel „Fortsetzung folgt“ spielen (Marion 1997, 84). Sie weisen auf eine zentrale Eigenschaft des journalistischen Diskurses hin: sobald zu einem Vorgang eine serielle Erzählung entsteht, werden Phasen und Veränderungen ausgemacht, so dass die Erzählung dynamisch bleibt. Das Statische ist quasi aus der Pressebericherstattung verbannt: dass sich nichts ändert, besitzt keinen Informationswert. Dies zeugt auch davon, dass das Narrative der Presseberichterstattung inhärent ist: indem und weil aus Ereignissen feuilletons gemacht werden, wird diesen Ereignissen ein Erzählmuster übergestülpt (s. auch Nünning 2007, 37), das aus Peripetien besteht, welche in Richtung einer Auflösung zeigen. So werden oft temporale Artikulierungen benutzt, die auf einschneidende Veränderungen hinweisen, neue Episoden einleiten und die Erzählung strukturieren:

(11) „Muss Bundespräsident Christian Wulff jetzt zurücktreten?“ (Welt kompakt, 21.12.2011)
(12) „Wulff erneut in Erklärungsnot“, Nürnberger Nachrichten, 06.01.12
(13) „Christian Wulff / Mailbox-Streit geht in nächste Runde“, Berliner Morgenpost Online, 09.01.2012
(14) „Neue Vorwürfe / Wulff machte widersprüchliche Angaben zu Bonusmeilen-Nutzung“, Süddeutsche Zeitung Online, 13.01.2012
(15) „Erster CDU-Abgeordneter fordert Wulff-Rücktritt“, Der Tagesspiegel Online, 12.01.2012

Übrigens enstprach die sog. „Salamitaktik“, welche dem Präsidenten Wulff vorgeworfen wurde, gerade den Bedürfnissen eines für die Presse charakteristischen Erzählens „in Scheiben“, wodurch wiederum diese Form des Erzählens gefördert wurde.

Parallel zu dieser dynamischen Darstellung einer wachsenden Isolierung schildert die Presse auch Versuche des Bundespräsidenten, die Affäre auszusitzen, und dabei auch aus der Presseerzählung, die sich unaufhaltsam in Richtung eines Abschlusses in Form eines Rücktritts bewegte, auszusteigen, diese zu ignorieren und zurück ins „normale“ Leben zu kommen, d.h. in den Alltag des Bundespräsidenten, der normalerweise keinen Stoff für ein feuilleton liefert:

(16) „Wulff will Krise überstehen und Bundespräsident bleiben / Schwarz-Gelb sieht einem möglichen Rücktritt mit Bangen entgegen“, Märkische Allgemeine, 04.01.2012
(17) „Wulff versucht den Befreiungsschlag“, Rheinische Post, 05.01.2012
(18) „Sternsinger-Empfang / Christian Wulffs versuchte Rückkehr in den Alltag“, Berliner Morgenpost Online, 06.01.2012
(19) „Wulff unter Druck / Der Bundespräsident glaubt an ein Ende der Affäre“, Berliner Morgenpost Online, 08.01.2012
(20) „Wulff bemüht sich um Normalität“, Stuttgarter Zeitung, 10.02.2012

Es sind auch retrospektive, chronologische Berichte zu finden, welche die bisherigen Episoden der Affäre zusammenfassen und bewerten bzw. ausdrücklich als Pausen in der Erzählung bezeichnet werden:

(21) Noch ist offen, ob Christian Wulff sich gerettet hat. Dennoch taugt seine Erklärung vom Donnerstagnachmittag, einmal kurz innezuhalten und zu fragen: Was lehrt uns diese Affäre? („Bundespräsident / Die Lehre aus der Wulff-Affäre“, Zeit online, 23.12.2011
(22) „Was bisher geschah / Köhler, Wulff und ein ausgefallenes Weihnachtsfest“, Stuttgarter Zeitung, 04.01.2012
(23) Versuch einer Zwischenbilanz („Erhöhtes Tempo, erhöhte Kleinteiligkeit und ein doppelter Kater“, Süddeutsche Zeitung, 11.01.2012)

Lange Zeit dominiert in der Presse die Darstellung einer Affäre, die noch lange nicht zu Ende ist, da immerfort neue Episoden hinzukommen („ça feuilletonne“, so die geglückte Formel von Revaz4):

(24) „Dubiose Beziehungen / Die unendliche Affäre des Christian Wulff“, Berliner Morgenpost Online, 09.01.2012

So wird signalisiert, dass der passende Abschluss dieser Erzählung noch nicht stattgefunden hat. Die Presse bestimmt also selber, ob das feuilleton sein Ende erreicht hat – oder nicht:

(25) „Vorerst gerettet“, Sächsische Zeitung, 16.12.2011

In dieser Schlagzeile wird zugleich das Ende der Geschichte verweigert und auf eine vorige Geschichte angespielt, an deren Ende ein Rücktritt stand: Der Titel bezieht sich auf das Ende November 2011, also kurz vor Anfang der Wulff-Affäre erschienene Buch Vorerst gescheitert. Wie Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Fall und seine Zukunft sieht.

Dass die Erzählung fortgesetzt wird, signalisieren Verneinungen oder Fragen, die auf Versuche Wulffs antworten, die Affäre als beendet zu erklären:

(26) „War’s das jetzt?“ (Financial Times Deutschland, 23.12.2011)
(27) Die Affäre ist damit noch nicht ausgestanden. („Wulffs Kreditaffäre / Kleiner Mann, was nun?“, Financial Times Deutschland, 04.01.2012)
(28) „WULFF STELLT SICH! Aber reicht das wirklich?“ (Bild, 05.01.2012)
(29) „Wie denn nun, Herr Wulff?“ (B.Z., 11.01.2012)
(30) „ Ruhe erst nach dem Rücktritt“, die tageszeitung, 22.12.2011

Der Horizont der Erzählung, das einzig gültige Ende, wird dabei deutlich: es handelt sich um Wulffs Rücktritt.

Es mehren sich allmählich die Anzeichen dafür, dass die erwartete Auflösung und somit das Ende des feuilleton näher kommen:

(31) „Wulffs Aussitz-Strategie / Jetzt kommt der letzte Akt“, Spiegel Online, 06.01.12
(32) „Der Anfang vom Ende / Nun, da die Justiz gegen ihn ermitteln will, ist der Rücktritt des Bundespräsidenten unvermeidlich“, Süddeutsche Zeitung, 17.02.2012

Diese Phase wird als vorletzte Episode des feuilleton signalisiert, in einer für die Presse charakteristischen Segmentierung der Erzählung.

„Nach dem Präsidenten ist vor dem Präsidenten“

Der Rücktritt selber erscheint als eigenes Kapitel der Erzählung:

(33) „DER RÜCKTRITT“, Berliner Kurier, 18.02.2012
(34) „Der letzte Akt / Rücktritt zum Wohle des Landes / Von den Medien fühlt sich Christian Wulff verletzt“, Südwest Presse, 18.02.2012
(35) „Und dann war er weg“, die tageszeitung, 18.02.2012
(36) „Es ist vorbei“, Der Tagesspiegel, 18.02.2012

Sobald der erwartete Abschluss erreicht ist, wird die Erzählung dadurch retrospektiv, dass ein Vorher und ein Nachher kontrastiert werden:

(37) Es ist ein einmaliger Fall: von der Provinz jählings in die oberste Etage des Staates und ebenso jählings tief hinab. („Wulffs Nachfolge / Es ist Zeit für den besseren Präsidenten“, Die Welt, 17.02.2012)
(38) „Als Präsident hinein, als Herr Wulff hinaus“, Nürnberger Nachrichten, 18.02.2012
(39) „Einmal Star und wieder zurück“, die tageszeitung, 18.02.2012

Jedoch bedeutet das Ende der Affäre nicht den endgültigen Abschluss der Narration, sondern zugleich den Beginn einer neuen Serie, die mit der vorigen verknüpft wird, wie man es aus Fernsehserien kennt:

(40) „Rücktritt, und jetzt?“, Focus Online, 17.02.2012
(41) „Nachfolger gesucht / Wulff dankt ab“, The Wall Street Journal Deutschland, 17.02.2012
(42) „Rücktritt des Bundespräsidenten / Aus für Wulff, Start für die Suche nach dem Neuen“, Hamburger Abendblatt Online, 17.02.2012
(43) „Nach dem Präsidenten ist vor dem Präsidenten“, Berliner Morgenpost, 18.02.2012
(44) „Bundespräsident Wulff gibt auf – kommt jetzt Gauck?“, Ostsee-Zeitung, 18.02.2012

Dies bestätigt die Diagnose von Marion (1997b, 72), der für den récit médiatique von einer clôture en spirale, einem spiralförmigen Abschluss spricht: an die Wulff-Erzählung schließt sich eine neue Erzählung an, die Suche nach einem neuen Bundespräsidenten. Sie erscheint als eine Art Spin-Off der vorigen, mit einer neuen, jedoch aus vorigen Episoden bekannten Figur, Joachim Gauck5, der nun sozusagen seine eigene Serie bekommt.

Ein offenes Ende?

Für Revaz ist ein feuilleton grundsätzlich offen, da „es seinen Plot Tag für Tag erarbeitet“ (Revaz 2008, 1434). Jedoch bemerkt Arquembourg, dass

die Journalisten das Fehlen eines im voraus bekannten Endes oft durch Hypothesen, Vorwegnahmen und diverse Formen der Projektion in die Zukunft ausgleichen. (Arquembourg, 2005, 43, s. auch Revaz et al. 2009a, 48)

Es wird also nach einer oder mehreren Abschlussmöglichkeiten gesucht, auch wenn die erzählte Geschichte erst im Entstehen ist. Erst das Vorhandensein eines imaginierten Endes verleiht der Erzählung ihren narrativen Charakter (Arquembourg 2011, 168, 51). Ein récit émergent zielt auf und orientiert sich an der Produktion eines zukünftigen récit accompli. Dass die Journalisten ein mögliches Ende schildern, zeugt von dem Bestehen eines narrativen Drucks, wodurch die Frage der Auflösung stets anwesend ist.

Im hier behandelten Korpus wird von vornherein der Rücktritt als einziger Ausweg geschildert. Auch wenn die Antworten auf die Frage „Wird Wulff zurücktreten oder im Amt bleiben?“ gelegentlich von einander abweichen, ist dieser Erwartungshorizont weitgehend dominant. Die hohe Frequenz von Lexemen wie gehen, zurücktreten, Rücktritt, fallen, Fall, stürzen oder auch bleiben zeigt, dass sich die Erzählung von vornherein in diese Richtung entfaltet – und dies nicht nur in der Boulevardpresse, die naturgemäß dazu neigt, die Aktualität zu sensationalisieren.

(45) Das eröffnet ihm die Möglichkeit, im Amt zu bleiben. („Präsident in Erklärungsnot“, Rheinische Post, 13.12.2012)
(46) Politiker stürzen ganz selten ‚nur‘ wegen einer Affäre an sich. In der Regel stürzen sie darüber, wie sie mit der Affäre umgehen. Wenn er so weitermacht, wird Bundespräsident Christian Wulff diese Regel bestätigen. („Das reicht nicht, Herr Wulff!“, Bild, 14.12.2011
(47) Wulff sollte gehen, jetzt. („Reduzierte Wahrheit“, Frankfurter Rundschau, 15.12.2011)
(48) „Wir brauchen einen neuen Bundespräsidenten“, Berliner Zeitung, 15.12.11
(49) Er kann nur im Amt bleiben, wenn nicht weitere Sünden ans Licht kommen („Spätes Eingeständnis“, Stuttgarter Zeitung, 16.12.2011)
(50) Doch Bundespräsident Wulff rutscht nun auf jener schiefen Ebene hinab, an deren Ende sein Rücktritt stehen könnte. („Die Wahrheit kommt scheibchenweise ans Licht“, BZ am Sonntag, 18.12.2011)
(51) „Warum Wulff gehen müsste – aber vorerst bleiben wird“, Welt am Sonntag, 18.12.2011
(52) „Wulff wankt“, Bild, 18.12.2011
(53) „Weshalb Wulff stürzen wird“, Financial Times Deutschland,19.12.2011
(54) „Wulff wackelt, aber er fällt nicht“, Welt kompakt, 19.12.2011
(55) „Wulff kämpft um Ruf und Amt“, Rheinische Post, 19.12.2011
(56) „Muss Wulff gehen? / Kann Wulff bleiben?“, Stuttgarter Zeitung, 20.12.2011
(57) „Er stürzt, er stürzt nicht ...“, Financial Times Deutschland, 22.12.2011
(58) „Adios Amigo-Präsident!“, Berliner Kurier, 03.01.2012
(59) „Endstation Rücktritt; Der Präsident, das Krisenmanagement, der Boulevard“, Aachener Nachrichten, 04.01.2012
(60) „Gehen oder bleiben?“, Hamburger Abendblatt, 04.01.2012
(61) „Schluss mit Schloss?“, Wiesbadener Tagblatt, 07.01.2012

In diesem teleologisch ausgerichteten Erzählen bezieht sich die einzige Spannung auf die Frage, ob dieser Abschluss tatsächlich stattfinden wird; fest steht aber, dass er wünschenswert ist. Dieses als notwendig dargestellte Ende wird dank einer Dekonstruktion des „Helden“ der Erzählung motiviert:

(62) Er erweist sich damit als zu klein für das große Amt. („Reduzierte Wahrheit“, Frankfurter Rundschau, 15.12.2011)
(63) „Der falsche Präsident“, Der Spiegel, 17.12.2011
(64) „Im Präsidentenpelz“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.01.2012
(65) „Der Schlossbesetzer“, Financial Times Deutschland, 09.01.2012

Die geistreiche Formel in (64) drückt aus, dass Wulff sowohl in eine unpassende Geschichte als auch in eine unpassende Erzählung verstrickt ist, gerade weil der Bundespräsident in seiner Funktion weder Anlass noch Stoff für ein feuilleton bieten sollte. Dies wird nach dem Rücktritt retrospektiv bestätigt:

(66) Er hatte nicht die Statur, dieses schwierige, belastete Amt auszufüllen. („Wulffs Nachfolge / Es ist jetzt Zeit für den besseren Präsidenten“, Die Welt, 17.02.2012)

Nun wird die Erzählung zusammengefasst und es werden Lehren gezogen, indem ein kausaler Zusammenhang zwischen der Komplikation (der vermeintlichen Schuld Wulffs) und der Auflösung (dem Rücktritt) hergestellt wird:

(67) „Wulff erklärt seinen Rücktritt / Vertrauen verspielt, Amt verloren“ (Süddeutsche Zeitung online, 17.02.2012)

Dieses Ende wird als Rückkehr zum „normalen“ (d.h. keine Erzählung werten) Zustand gedeutet:

(68) „Das Amt hat seine Würde zurück“, die tageszeitung, 18.02.2012

Vor-Geschichten als retrospektives Erzählen

Der Kontext (der Rücktritt im Mai 2010 des vorigen Bundespräsidenten, Horst Köhler; der Rücktritt im März 2011 des Bundesverteidigungsministers, Karl Theodor zu Guttenberg, wegen einer Plagiatsaffäre und nach einem starken Druck seitens der Presse) genügt nicht, um die Dominanz dieses Erzählmusters zu erklären. Die Affäre wird zwar explizit mit der Guttenberg-Affäre in eine Kontinuität gebracht, aber auch mit viel älteren Affären, an welche erinnert wird, von denen sie abgeleitet zu sein scheint und die ihr Substrat bilden. Das feuilleton wird dadurch retrospektiv, dass diese Vor-Geschichten wieder erzählt werden, meistens in sehr kompakter Form, so dass nur das Skelett der Erzählung übrig bleibt: Komplikation/Auflösung/Lehre. In (69) hat man gleich zwei Sentenzen dieser Art, die an Sprichwörter erinnern und somit als „Mikroerzählungen“ zu betrachten sind, die „den common sense einer Kultur vermitteln“ (Erll / Roggendorf 2002, 77) oder es wenigstens beanspruchen:

(69) Allerdings gehört der Altkanzler [Kohl] zu den wenigen, für die der Satz ‚Aussitzen kommt vor dem Fall‘ nicht wirklich galt. […] Doch allzu viel Hoffnung sollte sich Christian Wulff nicht machen. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Wer die Wahrheit aussitzen will, verliert nicht nur seine Würde, sondern meist auch das Amt. („Für wen hat sich das Aussitzen gelohnt und für wen nicht?“, B.Z., 09.01.2012)

Durch den Vergleich zwischen der Wulff-Affäre und älteren Skandalen wird ein Plot- und Auflösungsmuster angeboten, das aus dem

Repertoire überlieferter Geschichten [stammt], mit deren Hilfe politischen Ereignissen ihre Bedeutung zugeschrieben wird. Diese Geschichten bilden sedimentierte Antworten auf Deutungsprobleme in Gestalt tradierter Erzählungen, die von sozialen Akteuren auf wechselnde Situationen angewandt und inhaltlich bestimmt werden können. (Schwab-Trapp 1997b, 226; s. auch Tétu 2002, 30-31)

Wulff wird wiederholt mit Guttenberg verglichen – s. auch (5), (7):

(70) „Bloß keinen Guttenberg mehr“, Frankfurter Rundschau, 02.01.2012
(71) „Wulff macht den Guttenberg“, Ostsee-Zeitung, 03.01.2012
(72) Der Letzte, der es ebenfalls mit einer solchen Wette versuchte, verlor. Es war Karl-Theodor zu Guttenberg. („Wulff sucht den Pakt mit dem Volk“, Rheinische Post, 05.01.2012)
(73) Unglaublich, aber wahr: Wulff hat nichts gelernt von den Lektionen Käßmann und Guttenberg („Nur die Offenlegung wäre glaubwürdig gewesen“, B.Z., 06.01.2012)
(74) Wulff, Guttenberg und Co. („Vom Risiko des Rampenlichts“, Der Tagesspiegel Online, 09.01.2012)

Durch solche Kollektivierungs- und Typifikationsmarker wird Wulff in eine Reihe mit anderen Namen gestellt, deren Schicksal er offenbar teilen soll. Es wird explizit darauf hingewiesen, dass aus den Vor-Geschichten eine Lehre zu ziehen ist. Ihre Auswahl selbst schafft einen Erwartungshorizont für die aktuelle Erzählung.

Das „Wulff-feuilleton“ als Element einer Serie

Die Presse verweist besonders auf Vor-Geschichten von Konflikten zwischen Politikern und Journalisten, unter denen die Spiegel-Affäre (1962) eine zentrale Position innehat, welche u.a. zum Rücktritt des damaligen Bundesinnenministers Franz Josef Strauß führte und als ein Meilenstein in der deutschen Affären-Genealogie, als Matrix aller späteren politischen Affären in Deutschland gilt. Mit dem darauf folgenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahre 1966, das die „fundamentale Bedeutung der Pressefreiheit für den Staat“ festlegte, wird die Spiegel-Affäre auch vielfach als Wendepunkt betrachtet, der es der Bundesrepublik erlaubt habe, erfolgreich mit einer autoritären Tradition abzuschließen und sich zu einer modernen Demokratie zu entwickeln (Pöttker 2012, 39, 44). Dies wird den Journalisten und ihrer Hartnäckigkeit zugeschrieben, und gerade dieses narrative Gedächtnis wird in Bezug auf die „Wulff-Affäre“ aktiviert. Der Vorrat an solchen Geschichten, in denen die Medien sich gegen Politiker durchgesetzt haben, ist übrigens immens: In der Bundesrepublik führen politische Skandale oft zum Rücktritt (s. Geiger / Steinbach 1996). Dies steht in keinem Widerspruch zu der Tatsache, dass auch Beispiele von Politikern genannt werden, die Skandale ausgesessen haben. Diese werden als Gegenbeispiele aufgezählt, als Beispiele von Niederlagen der Medien, die weniger ent- als ermutigend wirken sollen, denn sie zeigen, dass Verbesserungen nötig sind, wozu wiederum die Wulff-Affäre Anlass sein könnte – s. auch (69):

(75) „Das Schmiergeld namens Nähe / Von Konrad Adenauer über Helmut Kohl bis zum derzeitigen Bundespräsidenten / Beispiele für Krieg und Frieden zwischen Politikern und Journalisten“, Süddeutsche Zeitung, 04.01.2012
(76) „Die Sitzenbleiber“, die tageszeitung, 10.01.2012
(77) In der deutschen Geschichte hat es zahlreiche Affären um Politiker und Rücktritte gegeben. Meistens waren Medien daran maßgeblich beteiligt. („Christian Wulff & Co / Ein guter Rücktritt ist eine Frage des Zeitpunkts“, Welt Online, 17.02.2012)

Man hat es mit einer doppelten Serialität zu tun: Das „Wulff-feuilleton“ als serialisierte Erzählung erscheint selber als Element einer Serie von Erzählungen, die dieselbe Komplikation und oft dieselbe Auflösung aufweisen, also als Realisierungen desselben Erzählmusters gelten können.

Diese Serie von Vor-Geschichten wird als spezifisch für die Bundesrepublik seit der Spiegel-Affäre bezeichnet. Somit wird betont, dass dieser Staat in scharfem Gegensatz zu Zeiten der Unterwerfung von Journalisten durch die Politik steht, vor allem während der NS-Zeit. Das „Wieder-Holen“ (Scheffler 2008, 215) vergangener Affären mit positivem Ausgang hat die Funktion eines Rituals; das Erinnern an „heroische“ Geschichten aus der post-nationalsozialistischen Vergangenheit dient auch dazu, die Identität der Bundesrepublik zu betonen, indem Gründungsmythen für diesen Staat geschaffen werden, der an „Geschichtslosigkeit“ (Greiffenhagen 2002, 471) bzw. am Mangel einer positiven nationalen Geschichte leidet. Das erklärt den zentralen Platz, welcher der wiederholten Narration positiv dargestellter Episoden aus der eigenen Geschichte und somit dem Bemühen eines narrativen Gedächtnisses zukommt: dadurch wird eine positive Tradition geschaffen, die auch dazu beiträgt, der Bundesrepublik eine eigene Identität zu verleihen.

Moralisch-exemplarisches Erzählen

Viehöver weist darauf hin, dass

Geschichten [...] nicht nur Erfahrung [ermöglichen], sie ‚führen‘ Handlungen auf der Basis von Erwartungen, Projektionen und/oder Erinnerungen, die wiederum aus dem Pool der soziokulturell verfügbaren oder legitimierten Narrationen gespeist werden. (Viehöver 2012, 74)

Durch das Wieder-Erzählen „alter“ Geschichten werden Verhaltensregeln in Erinnerung gebracht, die mit sozialen Rollen zusammenhängen,

an denen sich die Akteure in ihren Handlungen orientieren. Wobei das Wissen um diese institutionalisierten Rollen durch Erzählungen an die nachfolgenden Generationen weitergegeben wird. (Arnold 2012, 36)

Es handelt sich dabei um ein aus Fabeln bekanntes „moralisch-exemplarisches Erzählen“ (Richter 2011, 102; s. auch Gelas 1981, 76), in welchem explizite „Anweisungen zu exemplarischer Anwendung“ (Richter 2011, 103) zu finden sind, welche den Leser darauf hinweisen, dass und warum diese „alten Geschichten“ aktuell und relevant sind. Die vorangegangenen Affären werden um ihrer Lehre willen zitiert, weil sie Erzähl- und Verhaltensmuster veranschaulichen. Sie

führen exemplarische Handlungen vor, die direkt (positives Beispiel) oder indirekt (abschreckendes Beispiel) ethisch und ästhetisch Vorbildcharakter haben. (Müller-Funk 2002, 15)

Die Vor-Geschichten haben den Wert von Exempla, in denen Einzelfall und allgemeinverbindliche Norm (Bange 1981, 97) zusammenwirken. Sie sind grundsätzlich teleologisch und schreiben nicht nur einen Sinn, sondern auch Werte vor (s. Suleiman 1977, 487). Gelas (1981,87) betont, dass dem Exemplum ein „Wunsch nach Regeln“, ein Druck in Richtung der Serie und des Paradigmatischen innewohnt: Es gehe darum, den „konkreten aktuellen Fall in eine Idealliste von Exempla einzuschreiben“. In diesem Sinne stellen die Präzedenzfälle, die in unserem Korpus erwähnt werden, eine Genealogie her und lassen somit das Kontingente des Falls Wulff zu Gunsten des Zwingenden, Normativen zurücktreten. Die Erzählung ist keineswegs offen: Sinn der Vor-Geschichten und Ausgang der aktuellen Erzählung sind bzw. werden beide festgelegt.

Narratives Gedächtnis

Dafür wird auf ein narratives Gedächtnis zurückgegriffen, das als Reservoir von Verhaltensmustern fungiert, sowohl für die betroffenen Politiker wie auch für die Medien, denen eine Moralisierungsfunktion des öffentlichen Lebens zugesprochen wird. Dieses medial konstruierte und vermittelte narrative Gedächtnis (Erll 2004, 4) hat aber die Medien selbst zum Gegenstand, so dass eine ausgeprägte mediale Selbstreflexivität festzustellen ist. Indem sie das laufende feuilleton in eine Genealogie einschreibt, definiert die Presse ihre eigene Rolle. Journalisten können auch als „gatekeepers der Vergangenheit“ gelten:

Anstelle der Historiker sortieren sie aus, was zu unserer gemeinsamen Geschichte werden wird, und schreiben somit manche Themen und Augenblicke in das kollektive Gedächtnis ein. (Lits 2008, 135)

Dies ist hier umso mehr der Fall, als es um das Gedächtnis der Presse über sich selbst geht, um eine Selbsterzählung, die auch eine legitimierende Funktion hat:

Vergangenheitsversionen dienen in sozialen Gruppen und Gesellschaften dazu, Konzepte kollektiver Identität und Alterität – und darüber auch soziale Praktiken, Machtansprüche und Wertesysteme – zu legitimieren und zu delegitimieren. (Nünning 2007, 53)

Das „Wulff-feuilleton“ bietet den Anlass, diesem kulturellen Gedächtnis erneut Geltung zu verschaffen, indem daraus ein Deutungs- wie auch ein narratives Programm abgeleitet werden (s. Schwab-Trapp 1997a, 196). Der narratologische Ansatz erlaubt es, diesem dynamischen Charakter des Gedächtnisses gerecht zu werden (s. Assmann 2004, 45).

Die soziale Gruppe der Journalisten besitzt die Macht, ihre Darstellung der Vergangenheit öffentlich anzubieten bzw. durchzusetzen (s. Schaff 2011, 92). Die hier konstruierten Vergangenheits- und Wirklichkeitsversionen (Erll 2004, 19) beanspruchen, für die gesamte deutsche Gesellschaft verbindlich zu sein. Es kann hier auch an das angeknüpft werden, was Schwab-Trapp über „Basiserzählungen“ („welche den Status der Gegenwart in Relation zu ihrer Vergangenheit bestimmen“, Schwab-Trapp 1997b, 221) schreibt:

Ihre Konstruktion durch soziale Akteure situiert sie an der Schnittfläche von Interesse und Bedeutung. Diese Akteure ringen um den Zugewinn oder Erhalt von Machtanteilen. Da die Realisierung ihrer Interessen an die kollektive Geltung spezifischer Deutunsgsschemata gebunden ist, ist der Kampf um Macht, den die beteiligten Akteure führen, immer auch ein Kampf um die ‚richtige‘ Definition der Situation, die ‚angemessene‘ Interpretation politischer Handlungen und die Gestalt der kulturellen Ordnung. (Schwab-Trapp 1997a, 198)

Am „Wulff-feuilleton“ wird deutlich, dass in diesem Kampf nicht nur um die Deutungsmacht gerungen wird, sondern auch um die Erzählhoheit, d.h. um die Durchsetzung der „richtigen“ Erzählweise von Vergangenheit und Gegenwart, die selber zum Gegenstand konkurrierender Angebote wird (s. Arnold 2012, 38; Jarausch / Sabrow 2011, 27). Dies schließt aber nicht aus, dass es auch um die Gegenwart und um die nächste Zukunft geht, da ja das Ende der Geschichte vorausgesagt wird (s. auch Tétu 2002, 19, 24; Erll 2004, 4).

Erzählmuster als Narrative

Erzählmuster sind kulturspezifisch:

Kulturen sind immer auch als Erzählgemeinschaften anzusehen, die sich gerade im Hinblick auf ihr narratives Reservoir unterscheiden. (Müller-Funk, 2002, 15)

Die in jeder Kultur tatsächlich realisierten bzw. realisierbaren Erzählungen sind nicht beliebig und entstammen einem begrenzten Plot-Repertoire, das man auch in Anlehnung an Bourdieus espace des possibles („Raum der Möglichkeiten“) als „Raum der narrativen Möglichkeiten“ bezeichnen kann (Neveu 2009, 72). Diese abstrakten Erzählmuster (oder auch „Plotmuster“ Viehöver 2012, 96; „narrative Muster“ Keller 2007, 107), welche den konkreten Erzählungen zugrunde liegen, möchten wir als Narrative bezeichnen,6 welche die politische Kultur der Bundesrepublik zugleich prägen und zum Ausdruck bringen. Diese Narrative, wie die „Basiserzählung“ bei Schwab-Trapp, sind zugleich das „kumulative Produkt all jener Ereignisse, in denen [sie] aktualisiert und (re-)interpretiert“ wurden (Schwab-Trapp 1997a, 199) und die abstrakte und virtuelle Matrix der jeweiligen Erzählungen und Plots, die aus ihr heraus generiert werden. Narrative sind keine „starren Entitäten“ (Jarausch / Sabrow 2011, 26), sondern werden immer aufs Neue ausgehandelt (s. Tétu 2002, 38). Gerade Skandale wirken „als Katalysatoren für die Produktion gesellschaftlicher Werte und Normen im weiteren Sinne“ (Beule / Hondrich 1990, 144) bzw. sind der Zeitpunkt, in welchem diese Normen ausgehandelt oder aktualisiert werden. Sie aktivieren „kulturell zur Verfügung stehende Krisenplots“ (Nünning 2010, 195) und lassen so implizite Werte in Form von Erzählungen, hier von feuilletons an die Oberfläche des Diskurses treten:

das narrative Programm einer Erzählung überführt eine kulturelle Ordnung, die in Form eines logischen Klassifikationsystems existiert, in ein prozessuales Geschehen. (Schwab-Trapp 1997a, 198)

In ihrer Wiederholung und Serialität ähneln Skandale „makrosozialen Ritualen“, in denen ein „kulturelles Programm“ manifest wird (Bartsch et al. 2008, 13-14). Dabei ist dieses kulturelle und narrative Programm Gegenstand eines Konkurrenzkampfes, bei dem die jeweiligen sozialen Gruppen ihr Angebot durchzusetzen versuchen. Die Medien sind hier nicht nur Vermittler, sondern auch Akteure:

In solchen hervorgehobenen Ereignissen setzen die Medien nicht nur die kulturellen Leitwerte der Akteure in Szene, sondern auch selbstreferentielle Werte, die sich auf die Rolle der Medien selbst als kulturelle Deutungsinstanz beziehen. (Bartsch et al. 2008, 14)

Das Sünde-Strafe-Narrativ

Im „Wulff-feuilleton“ kristallisiert sich ein Narrativ, in dem politische Fehler, Lüge bzw. „Sünde“ (der religiöse Wortschatz ist in der Wulff-Affäre stark repräsentiert) durch den Fall bestraft werden.

(78) Es ist immer auch die Frage, wie der Einzelne und die Gesellschaft mit Schuld und Sühne umgehen können – eine geradezu alttestamentarische Frage. („Rücktritt / Politiker haben kaum Gefühl für den richtigen Abgang“, Hamburger Abendblatt Online, 14.02.2012)

Die dominante Stellung dieses Narrativs, das christliche Werte aktiviert, lässt sich übrigens für die ganze politische Kultur der Bundesrepublik ausmachen (Willaime 2008, 209; Galembert 2000, 49).

Das demokratische Narrativ

Zu diesem religiösen Narrativ kommt ein anderes hinzu, in welchem die Bundesrepublik sich auf dem Weg zu einem vorbildlichen, moralisch hochentwickelten demokratischen Staat befindet, in welchem Ehrlichkeit als zentraler Wert der politischen Kultur fungiert (s. auch Forst 2002, 406). Dieses Narrativ ist dynamisch, denn diese Entwicklung erscheint als noch nicht abgeschlossen; die jeweiligen Erzählungen, wie das „Wulff-feuilleton“, sollen es fortführen – vorausgesetzt, dass sie auch die „richtige“ Auflösung vorweisen. Das „Wulff-feuilleton“ als konkrete Realisierung dieses abstrakten Narrativs kombiniert das Lob für die vollbrachten Fortschritte (immer im Vergleich zur NS-Zeit), die Feststellung von weiterhin bestehenden Mängeln, die es nun zu korrigieren gelte, und die Drohung, dass das Erreichte in Frage gestellt werden könnte:

(79) Der Zynismus der Macht von rechts und der Zynismus der Resignation von links untergraben unsere Demokratie. Wir brauchen eine neue Kultur der Wahrheit. […] Wir müssen uns in der Disziplin der Empörung üben. Die Empörungsfähigkeit ist die Immunabwehr des politischen Systems. Wenn sie verlorengeht, verfällt der politische Körper. („Wulff-Affäre / Die reinigende Qual der Reue“, Spiegel Online, 22.12.2011)

Die Affäre um Wulff, wie auch jeder andere Skandal, wird in der Presseerzählung zugleich als Zeichen und als Chance für neue Fortschritte gedeutet:

(80) Einst hat man selbst zu einem Franz Josef Strauß noch aufgeblickt und einen Flughafen nach ihm benannt, trotz all der Amigo-Affären, die erst später diesen Namen bekamen. Diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei. Nach Christian Wulff wird kein Flughafen mehr benannt werden. Nun gilt ein anderes Extrem. („Streng beurteilt, aber wenig geschätzt“, Stuttgarter Zeitung, 24.12.2011)
(81) Die Deutschen tolerieren keine Korruption mehr. Dies ist die eigentliche Nachricht der Affäre Wulff. […] Diese deutsche Aversion gegen Korruption ist neu, wie ein Blick in die Geschichte zeigt […]. („ÜBER WULFFS RÜCKTRITT – Verschärfte Beobachtung“, die tageszeitung, 18.02.2012)
(82) Deutschland ist zwar nicht frei von Korruption und Missbrauch öffentlicher Macht, diese Verfehlungen sind aber alles andere als alltäglich. Entsprechend sensibel reagieren Bevölkerung und Medien, wenn es auch nur den Anschein von zu großer Nähe von Politik und Wirtschaft gibt, wenn sich gegenseitig Vorteile gewährt werden, die notwendigerweise zu Lasten Dritter gehen, oder wenn die Finanzierung von Parteien intransparent ist. [...] Zu den Tugenden des Landes gehören eben Genauigkeit und Pflichtbewusstsein. So wird aus teutonischen Kabalen zwar nie eine große italienische Oper. Das Land verfügt dafür aber über stabile politische Verhältnisse, eine im internationalen Maßstab gesehen hervorragend funktionierende Verwaltung und ein niedriges Korruptionsniveau. („Typisch deutsch“, Hamburger Abendblatt, 18.02.2012)

Stets wird den Journalisten die Funktion zuerteilt, dieses Narrativ des Fortschritts voranzutreiben bzw. wird ihnen attestiert, dass sie für die bisherigen Fortschritte (mit)verantwortlich seien.

Das Pressefreiheitsnarrativ

Zu diesem Narrativ gehört auch die Verteidigung der Pressefreiheit, welche beschworen wird, wann immer ein Presseorgan unter Druck gesetzt zu werden scheint. Die Darstellung einer zentralen Rolle der Presse setzt sich nach Wulffs Nachricht auf der Mailbox Diekmanns, des Chefredakteurs der Bild-Zeitung, verstärkt durch. Diese wird als Angriff auf die vom Grundgesetz garantierte Pressefreiheit und somit auf die demokratische Grundlage der deutschen Gesellschaft aufgefasst:

(83) Dann rief er in Berlin an, um die grundgesetzlich gesicherte Pressefreiheit für sich persönlich außer Kraft zu setzen. („Ein Fall von Erpressung“, WAZ, 02.01.2012)
(84) Auch die Pressefreiheit in diesem Land wurde beschädigt. (Welt kompakt, 06.01.2012)

Ab diesem Moment verlagert sich der Schwerpunkt der Affäre in Richtung der „Pressefreiheit“ – obwohl Diekmann mächtig genug ist, um sich gegen diesen ungeschickten Versuch der Einflussnahme seitens Wulffs zu wehren. Die Solidarität mit Bild ist allgemein, obwohl die Zeitung normalerweise von der „Qualitätspresse“ verachtet wird. Die feldinternen Machtkämpfe werden zeitweise aufgehoben, ebenso die Trennungslinie zwischen Boulevard- und Qualitätspresse (s. Robert 2011, 154-155). Dieser Schulterschluss der deutschen Presse lässt sich auch durch den Präzedenzfall der Guttenberg-Affäre erklären, in welcher der direkte Eingriff der Bürger in die Debatte durch Onlineforen und eine partizipative Webseite wie GuttenPlag Wiki von großer Bedeutung war (Pöttker 2012, 41). Diese neuartige Konkurrenz führte dazu, dass die Presse sich während dieser Affäre ihres Recherche- und Deutungsmonopols sowie ihrer Funktion als gatekeeper beraubt sah (Pörksen / Detel 2011, 59-63). Man kann die Solidarität der Presseorgane untereinander während der Wulff-Affäre auch als den Versuch deuten, wieder die Oberhand zu bekommen, indem performativ das Monopol der Medien in der Information und der Meinungsbildung sowie der zentrale Platz der Berufsjournalisten im öffentlichen Leben der deutschen Gesellschaft behauptet wurden.

Das Legitimitätsnarrativ

Im „Wulff-feuilleton“ kommt noch ein Narrativ zum Vorschein, jenes der Presse als Vierter Gewalt, welche die moralischen Verfehlungen anprangert, unabhängig ist und Politiker stürzen lassen kann. Journalisten haben in diesem Narrativ eine unverzichtbare Funktion in einem „demokratischen Reinigungsprozess“ – s. auch (77):

(85) Es ist die Aufgabe der Presse, in einem Rechtsstaat aufzudecken, was schiefläuft. („Ein Fall von Erpressung“, WAZ, 02.01.2012)
(86) In den knapp 63 Jahren der Republikgeschichte hat die konsequente Recherche von Vorwürfen im Umfeld von Politik prominente Köpfe gekostet […]. Daran kann man erkennen, wie bitter-notwendig Nachhaken und Bohren sind. („Lammerts Medienschelte / Niveau-Fragen“, General Anzeiger, 02.01.2012)
(87) „Nicht Komplizen, sondern Kontrolleure der Macht“, Stuttgarter Zeitung, 10.01.2012
(88) ‚Uns allen hängt der Fall Wulff zum Hals raus‘, meinte auch Journalist Michael Spreng, ‚aber wir müssen ihn zu Ende diskutieren im Sinne eines demokratischen Reinigungsprozesses.‘ („Late Night ‚Hart aber fair‘ / ‚Von außen wirkt Wulff so wie Jan Ullrich‘“, Welt Online, 14.02.2012)

Das Erzählen dient der Behauptung dieses Legitimitätsnarrativs und dem Ausdruck seines Anspruchs auf Verbindlichkeit (s. auch Arnold 2012, 38) gegenüber dem konkurrierenden Angebot anderer sozialer Gruppen, allen voran der Politiker – nicht zufällig werden Journalisten und Politiker „Partner-Rivalen“ genannt (Neveu 2000, 121).

In diesem Narrativ wird den Journalisten eine zentrale Rolle als sozialer Gruppe zugeschrieben, gerade weil die Skandale um Politiker so viele Rückfälle im demokratischen Narrativ darstellen. Eine solche Darstellung der Journalisten als ebenbürtiger Gegenspieler der Politiker wird im „Wulff-feuilleton“ besonders deutlich; auch wenn sie in den Medien selbst diskutiert wird, bleibt sie weitgehend die mehrheitliche Position. Der Presseerzählung kommt dabei auch bezüglich der sozialen Stellung der Presse in der Bundesrepublik eine präskriptive Funktion zu. Die Frage des Legitimitätskonfliktes zwischen Journalisten und gewählten Volksvertretern wird übrigens in einem fortgesetzen Metadiskurs explizit gestellt, der sich um die Erzählung rankt und sie begleitet:

(89) Nur geht es längst nicht mehr ‚nur‘ um Wulff. Es geht um die Medien selbst und die gesellschaftliche Akzeptanz ihrer Rolle („Journalismus – Im Namen des Volkes?“, Der Spiegel, 16.02.2012).

Den Journalisten wird von Politikern vorgeworfen, sie würden ihre Befugnisse überschreiten und eine „Hetzjagd“ gegen Wulff betreiben. Dieser Vorwurf wird von der Presse selbst thematisiert, meistens aber abgelehnt, wobei die Tätigkeit der Presse in das demokratische Narrativ eingeschrieben wird – s. auch (86), (87):

(90) Weil es in einer Demokratie die Pflicht der Medien ist, auf die Wahrhaftigkeit der Politiker zu achten, so unvollkommen und armselig manche Journalisten auch selber zu Werke gehen. („Der Ausweg heißt Wahrhaftigkeit“, Frankfurter Rundschau, 10.01.2012)
(91) In der Affäre Wulff stehen auch die Journalisten in der Kritik – und gelten als Miesmacher, Skandalisierer, Kampagneros. Das ist falsch. Sie erfüllen nur ihre verfassungsrechtlich geschützte Aufgabe. („Lob des kritischen Verstandes“, Stuttgarter Zeitung, 11.02.2012)

Durch diesen selbstreflexiven Metadiskurs – der übrigens jeden Skandal begleitet (s. Weischenberg 1990, 109) – wird das präskriptive feuilleton nicht unterbrochen, sondern eher unterstützt.

Ein self-fulfilling narrative

Die Erzählung weist die zeitliche Dimension der Prophezeiung bzw. der Präskription des einzig möglichen Endes auf. Dadurch bestimmt der kollektive Erzähler, und sei es „nur“ diskursiv, den Ausgang der Erzählung mit, und wird somit zum einflussreichen Akteur des erzählten Geschehens. Dies bestätigt den Befund von Klein / Martínez (2009, 4): „Wirklichkeitserzählungen sind sowohl konstruktiv als auch referentiell“, wie auch von Nünning (2010, 207):

Die von den Medien verbreiteten Narrative und Bilder haben insofern eine performative Funktion, als mediale Repräsentationen das Ereignis schaffen, anstatt dass sie dieses bloß zeigen würden.

Nach Kepplinger spielen die Journalisten

eine Doppelrolle: Zum einen berichten sie über das Geschehen, zum anderen treiben sie das Geschehen durch ihre Berichterstattung voran. (Kepplinger 1994, 225)

Kepplinger geht von der Annahme aus, dass sich die Journalisten dabei eine Macht anmaßen, die ihnen nicht zusteht. Hier möchten wir uns dagegen auf die Feststellung beschränken, dass in der Tat die Erzählung um die Affäre Wulff von vornherein auf ein einziges mögliches Ende zusteuert. Dies zeugt davon, dass in der sozialen Gruppe der Journalisten eine Übereinkunft über die – sozial und kulturell bedingte – Art und Weise herrscht, wie politische Skandale zu erzählen seien. Dass wir es hier mit keiner „neutralen“ Erzählung zu tun haben, widerspricht zwar dem Mythos der Neutralität und der Trennung von Information und Meinung, der für deutsche Journalisten geradezu identitätstiftend ist (Robert 2011, 151-153). Jedoch weiß man seit Ricœur, dass „es keine ethisch neutralen Geschichten oder Erzählungen gibt“ (Viehöver 2012, 99; s. auch Arquembourg 2005, 35-36; Nünning 2007, 37).

Das Performative wiederum hängt von der sozialen Rolle der Textproduzenten ab, da „die weltverändernde Kraft von Worten an Institutionen gebunden“ ist (Adamzik 2001, 218). Gerade die soziale Gruppe der Journalisten verfügt aber über eine solche performative Macht, auch wenn deren Grenzen stets zwischen ihr und anderen Gruppen, in erster Linie jener der Politiker, ausgehandelt werden. Die Erzählung, die auf zu unternehmende Schritte weist, wird von einer sozialen Gruppe produziert, die über Möglichkeiten der Beeinflussung sowohl der öffentlichen Meinung als auch der Handlungen von Politikern verfügt. Sie ist also von Anfang an zugleich „deskriptiv“, „voraussagend“ und „normativ“ (cf. Klein / Martínez 2009, 6) bzw. präskriptiv, eine Art self-fulfilling narrative. Die soziale Rolle von Medien sowie deren Interaktionsmöglichkeiten mit dem politischen Feld sind ein komplexes Thema, auf welches hier nicht näher eingegangen werden soll. Dass die als die einzig mögliche dargestellte Auflösung auch tatsächlich eintrifft, dass also die narrative Präskription erfolgreich ist, ist jedoch bemerkenswert.

Narrative und journalistische Kultur

Die Analyse des feuilleton als Makroerzählung erlaubt es in einer kulturanalytischen Perspektive, die „Deutungsmuster“ bzw. narrativen Muster „zu rekonstruieren, auf die sich Journalisten beziehen, um ihrem Handeln Sinn zu verleihen“ (Brüggemann 2011, 47). So besitzt jede journalistische Kultur ihre eigene Vorstellungswelt, die hauptsächlich durch Narrative strukturiert ist. Im hier behandelten Falle zeugt der Erzählmodus davon, dass sich deutsche Pressejournalisten als Kontrolleure und Mitgestalter der Politik verstehen und nicht nur als neutrale Beobachter und Vermittler (s. auch Burgert 2006, 333). Die Analyse der Erzählung ermöglicht es, von den Rollenselbstbildern der Journalisten Abstand zu nehmen, wie sie regelmäßig durch verschiedene, oft einander widersprechende Befragungen ermittelt werden (s. z. B. Meyen / Riesmeyer 2009). Hier ging es eher darum, ihre tatsächliche diskursive und narrative Praxis zu untersuchen und zu beschreiben.

Ein Vergleich mit der Berichterstattung in der französischen Presse bei einer vergleichbaren Affäre (Robert 2013) hat übrigens gezeigt, dass es Unterschiede in der narrativen Struktur gibt. Auch wenn man im französischen feuilleton die oben beschriebenen Marker der Kohäsion und der Serialisierung findet, besteht der Unterschied darin, dass es viel offener ist und nicht auf einen Rücktritt zusteuert. Es geht hier weder um die realen (politischen) Handlungsmöglichkeiten von Journalisten, noch um die Frage, warum politische Skandale in Deutschland häufiger als in Frankreich zu einem Rücktritt führen. Vielmehr wird hier das jeweilige Emplotment fokussiert, insbesondere im Hinblick darauf, ob die Erzählung teleologisch organisiert ist oder nicht. Die unterschiedliche Strukturierung der Erzählung im Hinblick auf die Präskription einer Auflösung zeugt von einer unterschiedlichen journalistischen Kultur. In französischen feuilletons übernehmen die Journalisten die Rolle von Zeugen; im Gegensatz dazu ist die Rivalität zwischen Journalisten und Politikern in Deutschland viel ausgeprägter und die Beziehung zwischen ihnen zugleich viel symmetrischer (Burgert 2010, 331, 336). Im deutschen „demokratischen Narrativ“ kommt den Journalisten eine Schlüsselrolle zu, gemeinsam mit den Politikern aber gegebenenfalls auch gegen sie.

Der Vergleich mit anderen politischen bzw. journalistischen Kulturen wird übrigens im Laufe der Erzählung hin und wieder gemacht; gleichzeitig wird das Erzählmuster ausdrücklich als spezifisch deutsch und als Teil einer (positiven) kollektiven Identität gekennnzeichnet – s. (82). Besonders durch den Vergleich mit Frankreich stellt sich in der Tat heraus, dass man es hier mit einer Narration zu tun hat, die charakteristisch für deutsche Pressejournalisten ist. Dies bestätigt die Annahme Müller-Funks (2002, 53),

dass sich Kulturen nicht nur durch ihre Sujets, sondern vor allem durch ihre Konstruktionsweisen des Erzählens unterscheiden,

also dadurch, wie sie (sich) erzählen. Die hier beschriebene Medienerzählung ist Teil einer spezifischen Kultur, als der „Summe der Deutungsmuster, auf die Menschen in ihrem Denken, Sprechen und Handeln Bezug nehmen“ (Brüggemann 2011, 47), was Erzählmuster auch miteinbezieht. Der narratologische Ansatz erlaubt es, solchen kulturellen Narrativen nachzugehen und somit den Erzählmodus als sprachlichen Reflex des Kampfes um Deutungs- bzw. Erzählhoheit zu untersuchen und Medienerzählungen als Medium der „Repräsentation“ und der „Konstruktion“ von sozialen Rollen (s. Nünning 2007, 55; Sommer 2009, 232), als „Formen der gesellschaftlichen, kollektiven, organisatorischen oder individuellen Selbstthematisierung“ (Viehöver 2012, 98) zu analysieren.

Literaturverzeichnis

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Dr. Valérie Robert
Département d’Etudes germaniques / CEREG (Centre d’études et de recherches sur l’espace germanophone)
Université Sorbonne Nouvelle – Paris 3
13 rue Santeuil
F-75005 Paris
E-Mail: valerie.robert@univ-paris3.fr
URL:
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1 Die französischen und englischen Zitate wurden von der Verfasserin ins Deutsche übersetzt.

3 Die Pressebeispiele wurden auf Grund ihrer Repräsentativität ausgewählt. Sie erscheinen in folgender Form: (1) Zitat („Dachzeile / Schlagzeile“, Zeitung oder Nachrichtenportal.de, Datum).

4 Workshop „Micro-récit / Macro-récit“, Sorbonne Nouvelle – Paris 3, 09.03.2012.

5 Gauck hatte bereits 2010 für die Bundespräsidentenwahl kandidiert.

6 Sie entsprechen ungefähr den „Metanarrativen“ (Viehöver 2012, 77), „Masternarratives“ (Viehöver 2012, 77), „Meistererzählungen“ (Schaff 2011, 90, Jarausch / Sabrow 2011, 26), „Kollektiverzählungen“ (Sommer 2009, 231-232, 243).